Mama Matters sprach mit Julia Röder über die schöne, aber auch herausfordernde Zeit nach der Geburt. Julia ist Psychotherapeutin und zertifizierte Mediatorin. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Unterstützung, Beratung und Therapie bei Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburtserfahrungen und der Zeit nach der Geburt. Sie bietet einen nicht-wertenden Raum, in dem Frauen offen über ihre Gefühle, Gedanken und Ideen sprechen können.
MM: Aus eigener Erfahrung als Mutter und aus der Zusammenarbeit mit anderen Müttern in Ihrer Praxis, wie sehen Sie die Zeit nach der Geburt?
JR: Die erste Zeit mit einem Neugeborenen ist magisch, unglaublich emotional und gleichzeitig anstrengend. Sie kann sowohl himmelblaue Momente als auch Regentage beinhalten. Sie erfordert sicherlich eine Dosis an Selbstaufopferung.
Jede Mama hat wahrscheinlich schon Sätze gehört wie „Wir hoffen, Sie haben eine schöne Kuschelzeit!“ oder „Sie müssen so glücklich sein mit diesem wundervollen Baby!“. Diese Sätze sind jedoch nicht sehr hilfreich, da sie Erwartungen wecken können, die möglicherweise nicht erfüllt werden.
Für viele Frauen kann die erste Zeit mit ihrem Baby eine enorme Belastung und ein Wendepunkt in ihrem Leben sein. Sie erleben Überforderung, Erschöpfung oder Traurigkeit, obwohl sie sich auf das Baby gefreut haben. Das Spektrum reicht von unerfüllten Erwartungen bis hin zu schweren Depressionen. Zudem könnten sie von ihrem Umfeld Sätze wie „Stell dich nicht so an, du hast doch ein wundervolles Baby“ hören, was sofort zu Scham und Schuldgefühlen führt. Fast 80% aller Mütter erleben psychischen Stress rund um die Geburt. Trotzdem ist das Thema immer noch tabuisiert und es gibt wenig Unterstützung. Selbstoptimierung, Perfektionismus und die in den sozialen Medien vermittelten Bilder tun ihr Übriges.
Ich glaube, wir brauchen eine ehrlichere Aufklärung und einen offenen Dialog darüber, was es bedeutet, Mutter zu werden. Gleichzeitig brauchen wir mehr professionelle Unterstützungsdienste für Frauen vor und nach der Geburt, die sich nicht ausschließlich auf das Wohlergehen des Neugeborenen konzentrieren. Ein nützlicher ganzheitlicher Ansatz würde sowohl den Körper als auch den Geist berücksichtigen.
MM: Wie können Frauen erkennen, dass sie an einer Wochenbettdepression leiden – und nicht „nur“ am Babyblues?
JR: Der Babyblues beschreibt die ersten Tage nach der Geburt, in denen Frauen sich als besonders offen für Emotionen und Gefühle erleben, fast so, als wären sie durchlässig. Das gilt sowohl für Freude als auch für Traurigkeit – die Emotionen überfluten den Körper. Er klingt nach kurzer Zeit ohne Behandlung ab.
Bis zu drei Viertel aller Mütter erleben diese Phase, mit einem Höhepunkt um den dritten bis fünften Tag nach der Geburt. Typische Anzeichen sind Traurigkeit, Angst, Reizbarkeit, Erschöpfung, starke emotionale Schwankungen und Schlafmangel. Dies sind normale Reaktionen auf die körperlichen und emotionalen Veränderungen nach einer Geburt. Es ist wichtig, ein aufmerksames, unterstützendes Umfeld zu haben und sich bewusst zu sein, ob mehr Hilfe benötigt wird.
Im Gegensatz zum Babyblues ist eine postpartale Depression schwerwiegender, dauert länger an und erfordert eine Behandlung. Rund 15-20 % der Frauen entwickeln nach der Geburt eine postpartale Depression, die im ersten Jahr nach der Geburt auftreten kann. Die Symptome unterscheiden sich nicht von depressiven Störungen, die unabhängig von der Geburt eines Kindes auftreten. Dazu gehören zum Beispiel:
- Anhaltende Traurigkeit oder das Gefühl, emotional taub zu sein
- Erschöpfungszustände und/oder ständige Müdigkeit
- Schlafstörungen, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit
- Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen
- Überforderung mit der neuen Situation – Gedanken des Rückzugs
- Verlust des Interesses an früher angenehmen Aktivitäten
Postpartale Depressionen weisen zudem folgende Merkmale auf:
- Unfähigkeit, positive Gefühle für das eigene Kind zu entwickeln, bis hin zu Taubheit
- Übermäßige Angst und Sorge um das Wohlergehen des Kindes
- Ausgeprägte Gedanken und Zweifel an den eigenen Fähigkeiten als Mutter sowie Versagensängste: „Ich bin eine schlechte Mutter“, „Ich kann mich nicht um mein Kind kümmern“
- Zwanghafte Gedanken (z.B. dem Kind zu schaden)
- Stillprobleme
Ein Screening mit der Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS)* – ebenfalls unten angehängt – kann die Früherkennung erleichtern. Hier zählt Ihre persönliche Beobachtung, und das Ergebnis kann hilfreich sein, wenn Sie sich ein Bild von Ihrem Befinden machen möchten.
Davon abzugrenzen ist die postpartale Psychose, die selten auftritt und etwa 1 bis 2 von 1.000 Frauen nach der Geburt ihres Kindes betrifft.


MM: Wohin können sich Frauen wenden, wenn sie mehr als 10 Punkte haben und in Wien leben?
JR:
FEM-Elternambulanz als Zuweisungsdrehscheibe für niedergelassene PPD-ExpertInnen: & (+43) 650/546 30 66 (Mo, Di, Mi, Fr 8.30–12.30 Uhr)
Spezialambulanz für perinatale Psychiatrie in der Klinik Ottakring: https://klinik-ottakring.gesundheitsverbund.at/leistung/spezialambulanz-fuer-peripartale-psychiatrie/
Frühe Hilfen –Familienbegleitung: www.fruehehilfen.at
Psychotherapeut:innen mit Expertise – wie z.B. ich: juliaroeder.com
MM: Was können Frauen vor der Geburt tun, um sich auf die Zeit nach der Geburt vorzubereiten?
JR: Es ist wichtig, schon während der Schwangerschaft realistisch zu wissen, wie sich die Zeit nach der Geburt anfühlen könnte, um Erwartungen zu managen. Wie wundervoll, aber auch herausfordernd und beängstigend diese Zeit sein kann. Die Serie Motherhood (Un)seen, die Mama Matters produziert hat, ist ein großartiger Anfang oder der Verein Vemina in Wien.
Es kann auch hilfreich sein, schon während der Schwangerschaft ein Helfernetzwerk aufzubauen, um sicherzustellen, dass man gut versorgt ist. Dazu gehören eine vertrauensvolle Hebamme, ein empathischer Gynäkologe, eine spezialisierte Therapeutin und ein unterstützendes Umfeld aus Freunden und Familie.
MM: Wie arbeiten Sie mit frischgebackenen Müttern, wenn sie mit Wochenbettdepressionen zu Ihnen kommen?
JR: Mir ist wichtig, dass sich die Frauen hier verstanden fühlen, damit sie in einem nicht-wertenden Raum in ihrem Tempo, in ihrer Ausdrucksform frei über ihre Gefühle, Erlebnisse und Gedanken sprechen können. Jede Geschichte ist anders und erfordert einen achtsamen und professionellen Umgang.
MM: Gibt es einen Tipp, den Sie Müttern geben können, den sie zu Hause in ihrem Alltag anwenden können, wenn sie sich überfordert fühlen?
JR: Atmen! durch die Nase ein – am besten vor einem offenen Fenster – und durch den Mund aus. Das kann helfen, sich innerhalb von Minuten zu beruhigen.
Es kann auch hilfreich sein, wenn kleine Rituale aus dem Leben vor der Mutterschaft in das neue Leben übernommen werden – damit man sich selbst nicht verliert.
MM: Was ist Ihrer Meinung nach noch wichtig für Frauen zu wissen?
JR: Jede Geschichte, jede Erfahrung, jede Frau ist besonders. Es gibt kein „so muss es sein, das ist der richtige Weg“. Es gibt individuelle Geschichten, die alle für sich stehen und keinem Urteil unterliegen.
Passt gut auf euch auf und holt euch Unterstützung, wenn es hilfreich sein kann.
Vielen Dank, Julia, für deine Zeit und wertvollen Einblicke!
Du kannst Julia Röder auf IG unter @julia_roeder_psychotherapie folgen oder auf juliaroeder.com


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